Über den oft übersehenen Zwischenraum im Yoga – und warum er so wesentlich ist.


Dieser Ort hat etwas, das sich nicht vollständig beschreiben lässt. Eine Stille, die bereits da ist, bevor die erste Person eintritt. Eine Qualität, die sich nicht herstellen lässt – nur empfangen.

Wer hereinkommt, tut das leise. Nicht weil es eine Regel gibt. Sondern weil der Ort es nahelegt.

Wir sitzen am Boden. Die Sitzbeinhöcker spüren den Kontakt zur Erde. Der Rücken richtet sich auf – nicht angestrengt, sondern beinahe von selbst, als würden wir spüren, dass jetzt etwas anderes beginnt.

Und dann: der Atem.

Zunächst nur beobachten. Nicht stören. Kommen und gehen lassen, wie er gerade möchte.

Durch diese einfache Aufmerksamkeit tritt man in Kontakt mit sich selbst.

Das ist der erste Moment. Noch bevor irgendetwas beginnt.


Dann kommen andere. Auch sie treten ein, setzen sich, kommen an. Zwischen Menschen, die sich kennen und die sich vielleicht lange nicht gesehen haben, liegt ein natürlicher Impuls: zu grüßen, zu sprechen, den anderen anzuerkennen.

Doch die Stille bleibt.

Stattdessen: ein Blick. Vielleicht eine kleine Geste. Eine Neigung des Kopfes. Respekt, der keiner Worte bedarf. Begegnung hinter der Konvention des Verbalen – an einem Ort, der tiefer liegt als die erlernten Gesten des Alltags.

Auch das ist ein Moment von stiller Gegenwärtigkeit.


Später, im Verlauf der Stunde, stehen wir in Tadasana – dem geerdeten Stand. Die Fußsohlen verwurzelt. Der ganze Körper präsent, von unten nach oben.

Dann beginnt eine Bewegung: Die Arme heben sich, gestreckt, das Bewusstsein strömt bis in die Fingerspitzen. In einer großen Kreisbewegung öffnen sie sich gen Himmel. Der Blick folgt den Fingern. Der Oberkörper richtet sich auf – nicht weg von der Erde, sondern aus ihr heraus.

Oben, im Scheitelpunkt dieser Bewegung, entsteht ein Moment des Schwebens. Zwischen Erde und Himmel. Zwischen Stabilität und Öffnung.

Kein Wort beschreibt diesen Moment besser als ein japanisches: Ma (間).

Der bedeutsame Zwischenraum. Die Pause, die etwas in sich hält. Der Ort, an dem etwas Wesentliches leise Gestalt annimmt, weil Stille es wahrnehmbar macht.


Ein Wort, das uns fehlt

Ma (間) ist ein japanisches Wort, für das es im Deutschen keine direkte Entsprechung gibt. Und vielleicht sagt genau das schon etwas Wichtiges.

Wer das Schriftzeichen 間 betrachtet, und seiner Bedeutung nachgeht ahnt, warum es so schwer zu übersetzen ist – und warum sich in ihm so viel verdichtet.

Es setzt sich aus zwei Zeichen zusammen: 門 (Mon) – das Tor. Ein symmetrischer Rahmen, zwei Flügel, eine Öffnung. Und 日(Hi) – die Sonne. Zusammen entsteht ein Bild: das Licht, das durch das Tor fällt.

Ma ist also nicht einfach ein leerer Raum. Es ist der Zwischenraum, den das Licht durchdringt. Die Öffnung, durch die etwas eintreten darf.

Dieses Bild hat mich nicht mehr losgelassen. Denn es beschreibt genau das, was ich in der Praxis immer wieder erlebe: dass die bedeutsamsten Momente nicht die sind, in denen viel geschieht. Sondern die, in denen etwas eintreten darf.

Ma bezeichnet einen bedeutsamen Zwischenraum. Eine Pause, die nicht leer ist, sondern Bedeutung erst entstehen lässt. Die Pause zwischen zwei Tönen, durch die Musik erst Gestalt bekommt. Der Abstand zwischen zwei Menschen, in dem echte Begegnung möglich wird. Ein Nachklang nach einem Satz, der mehr sagt als der Satz selbst.

In unserer westlich geprägten Alltagskultur neigen wir dazu, Pausen sofort zu besetzen. Vielleicht auch deshalb, weil wir Stille oft mit Leere verwechseln. Wir greifen schnell zum nächsten Wort, zum nächsten Gedanken, zum nächsten Reiz. Selbst die wenigen Sekunden, in denen eine KI „nachdenkt“, bevor die ersten Worte erscheinen, können schon unruhig machen. Als müsse jeder Zwischenmoment sofort beantwortet, überbrückt oder produktiv gemacht werden.

Wir optimieren, verdichten, beschleunigen – und übersehen dabei oft genau jene Momente, in denen etwas Wesentliches leise Gestalt annimmt.

Ma erinnert uns daran: Der Zwischenraum ist kein Mangel. Er ist ein Ort stiller Wandlung.


Ma im Körper – drei Orte, an denen es erfahrbar wird

Kumbhaka – die Atempause

In der Prāṇāyāma-Tradition des Yoga gibt es einen Begriff für diese Atempause: Kumbhaka (कुम्भक). Gemeint ist der Moment nach dem Einatmen oder nach dem Ausatmen – jener feine Übergang, bevor der Atem von selbst weiterzieht.

Für viele Menschen ist genau dieser Moment zunächst ungewohnt. Der Impuls, sofort weiterzuatmen, ist stark. Nicht unbedingt, weil Luft fehlt, sondern weil Stille im Körper spürbar wird.

In Kumbhaka wird spürbar, wie schnell wir Übergänge verlassen möchten. Und wie viel Wahrnehmung entstehen kann, wenn wir einen Moment bleiben. Nicht festhalten. Nicht erzwingen. Nur bemerken, was da ist.

Das ist Ma im Atem.

Die Pause zwischen zwei Asanas

Zwischen zwei Haltungen liegt ein Moment, den viele Praktizierende unbewusst überspringen. Wir kommen aus einer Asana heraus – und bewegen uns oft sofort in die nächste. Als wäre der Weg zwischen den Haltungen weniger bedeutsam als die Haltungen selbst.

Im klassischen Vinyasa Flow entsteht daraus ein kontinuierliches Fließen – ein bewusster Bewegungsstrom, getragen vom Atem. Auch darin liegt Schönheit.

Yoga-MA interessiert sich jedoch besonders für etwas anderes: für den kurzen Moment, bevor die nächste Bewegung beginnt. Für den Übergang selbst. Nicht als Unterbrechung des Flows, sondern als eigenen Erfahrungsort.

Denn genau dort wird oft spürbar, was eine Haltung hinterlässt. Etwas beginnt sich zu setzen. Das Nervensystem verarbeitet weiter. Was gerade noch Anstrengung war, wird langsam zu Erfahrung.

Wer diesen Moment bewusst wahrnimmt – wer nicht sofort weitermacht, sondern einen Atemzug lang bleibt –, beginnt zu verstehen, dass Yoga nicht nur in den Haltungen stattfindet. Sondern auch zwischen ihnen.

Das ist Ma in der Bewegung.

Savasana – die Stille am Ende

Savasana, die abschließende Ruhehaltung, gilt im Yoga oft als eine der anspruchsvollsten Haltungen. Nicht weil der Körper etwas Besonderes leisten muss. Sondern weil wir der Erfahrung der Praxis erlauben, nachzuwirken – ohne sie sofort einzuordnen, zu bewerten oder in die nächste Handlung zu übersetzen.

Für viele ist das schwieriger als jede kraftvolle Asana. Gerade weil diese Ruhe auf den ersten Blick unproduktiv wirkt. Nicht selten entsteht der Wunsch, Savasana zu kürzen oder zu überspringen – als wäre die eigentliche Praxis bereits vorbei.

Doch genau hier beginnt etwas Wesentliches: Integration. Nicht als zusätzliches Programm, sondern als Eintritt in einen inneren Erfahrungsraum. Was bewegt wurde, darf nachklingen. Atem, Körperempfindung, Gewicht, Temperatur, Spannung, Ruhe oder Unruhe dürfen wahrnehmbar werden – ohne sofort eingeordnet oder beantwortet werden zu müssen.

Wenn Savasana gekürzt oder übersprungen wird, bleibt oft genau jener Zwischenraum unbetreten, in dem Bewegung als Erfahrung ankommen kann.

Das ist Ma in der Ruhe.


Ma auf dem Papier – das Journaling als erster Akt der Stille

Yoga-MA beginnt nicht mit Bewegung.

Es beginnt mit zehn Minuten Journaling. Noch bevor der Körper sich in den ersten Atemzug der Praxis begibt, hat der Geist bereits die Möglichkeit, sich zu sammeln. Einen Gedanken festzuhalten. Eine Frage zu stellen. Oder einfach zu schreiben, was gerade da ist – ohne Anspruch, ohne Richtung.

Auch das ist Ma: der Zwischenraum zwischen dem Nacht-Ich und dem Tag-Ich. Zwischen dem Träumen und dem Handeln. Zwischen dem, was das Leben gerade bewegt, und dem, was der Tag noch bringen wird.

Das Schreiben ist keine Analyse. Es ist ein Hinschreiben dessen, was noch nachklingt – bevor der Tag beginnt, es zu überschreiben.

Auf dem Papier entsteht etwas, das vorher weder ganz innen noch ganz außen war. Ein Gedanke. Ein Bild. Ein Satz, der aus dem Inneren kommt, ohne geplant worden zu sein.

Auch das ist Ma. Und es ist der Moment, von dem aus die gesamte Stunde ihren Ton bekommt.


Ma im Unterricht – die Stille zwischen Wort und Bewegung

Als Yogalehrerin begegnet mir Ma auch in einem Moment, der weniger sichtbar ist, aber enorm viel in sich trägt: der Stille zwischen meiner Anweisung und der Bewegung meiner Schülerinnen und Schüler.

Wenn ich spreche und sofort die nächste Anweisung folgt, bleibt kaum ein innerer Ort. Der Körper gehorcht – aber er versteht nicht. Die Bewegung kommt aus dem Kopf, nicht aus dem Inneren.

Wenn ich aber nach einem Satz wirklich innehalte, ohne Angst vor der Stille, geschieht etwas anderes. Der Körper beginnt selbst zu antworten. Nicht auf meine Worte. Sondern auf das, was sie ausgelöst haben.

Dieser Moment ist für mich als Lehrerin einer der kostbarsten. Nicht weil ich nichts tue. Sondern weil in der stillen Präsenz Raum für die Erfahrung des anderen entsteht.

Ma lehrt mich: Begleitung geschieht nicht nur durch Worte. Sondern manchmal gerade durch ihre Abwesenheit.

Begleitung geschieht nicht nur durch Worte.
Sondern manchmal gerade durch ihre Abwesenheit.


Yoga-MA – ein Format, das aus dieser Erfahrung entstanden ist

Aus dieser Erfahrung heraus ist 2025 Yoga-MA entstanden – ein Format, das dem Zwischenraum einen bewussten Platz gibt.

Yoga-MA findet dienstags statt, von 6:30 bis 7:00 Uhr. Dreißig Minuten. Im Silenzium – kein Wort, keine Musik. Nur der Atem, der Körper, der Augenblick.

Der Ablauf ist bewusst reduziert: ein stilles Ankommen, ein sanftes Warm-up und eine kleine Sequenz aus wenigen Asanas. Keine Wiederholung. Kein Perfektionieren. Nur das einfache Da-Sein im Moment, der bereits vollständig ist.

Das ist vielleicht der stillste Gedanke dieses Formats: Nicht Perfektion zählt. Sondern Präsenz.

In einer Welt, die alles optimiert, wiederholt und steigert, wirkt dieser Gedanke beinahe ungewohnt.

Yoga-MA sagt: Dieser Moment ist genug.

Der Name ist kein Zufall.

MA steht für das japanische Konzept des bedeutsamen Zwischenraums. Und MA steht für die Überzeugung, dass Yoga nicht dann geschieht, wenn wir uns anstrengen. Sondern dann, wenn wir innehalten. Wahrnehmen. Uns selbst begegnen.

In Yoga-MA wird Ma nicht erklärt.

Es wird erfahren.


Warum Ma gerade jetzt wichtig ist

Wir leben in einer Kultur der Verdichtung. Mehr Inhalte, mehr Reize, mehr Geschwindigkeit. Die Fähigkeit, innezuhalten, gilt oft als Luxus.

Dabei spüren viele Menschen längst körperlich, was im Alltag leicht verloren geht: Erfahrungen brauchen Nachklang. Das Nervensystem braucht Übergänge. Nicht alles verarbeitet sich im Moment selbst.

Ma ist deshalb keine abstrakte Idee. Sondern eine Erfahrung, die wir körperlich kennen – auch wenn uns oft die Sprache dafür fehlt.

Und Yoga – so wie ich es verstehe und unterrichte – ist einer der wenigen Orte, an denen wir dieser Erfahrung wieder begegnen dürfen. Ohne Agenda. Ohne sofortigen Nutzen. Sondern als bewusste Form von Präsenz.

Nicht als Rückzug aus der Wirklichkeit. Nicht als Verträumtheit. Sondern als ein wacher Kontakt mit dem, was im Dazwischen eines Moments entstehen kann.


Zwei Zeichen – ein Gedanke, weitergedacht

Im ersten Journal-Eintrag habe ich über das Y und den offenen Ensō geschrieben – und über die Öffnung im Kreis, die Ma sichtbar macht.

Heute verstehe ich: Meine Bildmarke trug dieses Format vielleicht schon in sich.

Das Y hält inne an der Gabelung. Der offene Ensō lässt Raum in der Lücke. Und Yoga-MA gibt diesem Ort eine Praxis.

Drei Formen.

Und vielleicht derselbe Gedanke.


Fachliche und kulturelle Bezugspunkte

Dieser Text ist kein wissenschaftlicher Fachartikel, sondern ein Journal-Eintrag aus meiner Arbeit mit Yoga, Stille und Wahrnehmung. Er bezieht sich auf das japanische Konzept Ma (間) als bedeutsamen Zwischenraum sowie auf yogische Erfahrungsbegriffe wie Kumbhaka, die Atemverhaltung bzw. Atempause. Beide Begriffe stammen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten und werden hier nicht gleichgesetzt, sondern als Resonanzräume gelesen: als Hinweise darauf, dass das Dazwischen nicht leer ist, sondern Wahrnehmung, Sammlung und Integration ermöglichen kann.

  • Ma (間): japanisches Konzept des bedeutsamen Zwischenraums, wirksam in japanischer Ästhetik, Architektur, Gestaltung, Musik und Alltagskultur. 
  • Kumbhaka (कुम्भक): Atemverhaltung bzw. Atempause in der Prāṇāyāma-Tradition des Yoga, etwa nach Ein- oder Ausatmung.
  • Patañjali, Yoga-Sūtras: Yoga als Weg der Sammlung und inneren Ausrichtung; zeitliche Einordnung in den frühen Jahrhunderten n. Chr. wird in der Forschung unterschiedlich diskutiert.

Vielleicht erinnert sich der Körper an mehr, als wir glauben.

Im nächsten Journal-Eintrag gehe ich BODY MIND MEMORIES nach – und der Frage, wie Erfahrungen sich in uns einschreiben, nachklingen und unser Erleben der Welt mitformen.