Über Weggabelungen, offene Kreise und das, was im Dazwischen sichtbar wird
Wenn ich gefragt werde, wie mein Logo entstanden ist, könnte ich antworten: durch Zufall. Durch ein Spiel mit Formen. Durch einen Morgen am Schreibtisch, an dem plötzlich etwas stimmte.
Das wäre nicht falsch.
Aber es wäre nur die sichtbare Hälfte der Geschichte.
Denn schon im Entstehungsprozess war da mehr als Form: ein Y, ein offener Kreis, ein Zusammenspiel von Zeichen, deren Bedeutung mir vertraut war – und deren Tiefe sich mit der Zeit weiter geöffnet hat.
Ein Y.
Und ein Kreis, der nicht ganz geschlossen ist.
Zwei Zeichen.
Zwei Kulturen.
Zwei Arten, über das menschliche Leben nachzudenken.
Und irgendwie: ein gemeinsamer Gedanke.
Das Y – ein Buchstabe, der mehr als ein Buchstabe ist
Beginnen wir mit dem Y.
Es ist ein Buchstabe mit eigener Präsenz. Im deutschen Alphabet selten, fast ein Fremdkörper – ein Zeichen, das sofort auffällt, weil es aus einer Linie in eine Gabelung führt.
Vielleicht berührt mich das Y auch deshalb, weil es mir schon früh vertraut war. Mein Mädchenname wurde noch in einer alten Schreibweise mit Y geschrieben – etwas, das oft erklärt werden musste, weil die heutige Schreibweise längst eine andere geworden ist. Später begegnete mir dieses Y in meiner Beschäftigung mit Kunst- und Kulturgeschichte immer wieder. Vielleicht begann meine Aufmerksamkeit für dieses Zeichen also lange bevor ich verstand, welche Geschichten Menschen seit Jahrhunderten mit ihm verbinden.
Genau diese Geschichten reichen weit zurück.
In antiken und späteren gelehrten Traditionen wurde das Y als „pythagoreischer Buchstabe“ gelesen – als Bild für eine Weggabelung des Lebens. Mit seiner gegabelten Form wurde es zum Symbol eines Moments, in dem ein Mensch spürt, dass das Leben nicht einfach in einer einzigen Linie weitergeht.
Im Mittelalter wurde diese Symbolik vielfach weitergeführt: Das Y stand als Bild für das Bivium, die Wegscheide des Lebens – für die Wahl zwischen unterschiedlichen Lebenswegen. Herakles am Scheideweg. Der Mensch zwischen vita contemplativa und vita activa. Zwischen dem stillen Leben der Betrachtung und dem tätigen Leben in der Welt.
In der Nachfolge pythagoreischer Vorstellungen steht das Y-Signum damit als Zeichen einer vorwiegend moralisch bestimmten Entscheidung über den Lebensweg.
Die Herkunft des Zeichens und seine Deutungen sind für mich besonders wichtig, weil sie erzählen, wie Menschen zu verschiedenen Zeiten über Entscheidung, Richtung und Lebensweg nachgedacht haben. Für meine eigene Bildmarke wird jedoch noch etwas anderes wesentlich: das, was das Y in seiner Form sichtbar macht.
Ein Stamm.
Zwei Arme, die sich öffnen.
Etwas, das aus einer Linie kommt – und sich dann öffnet.
Etwas, das Einheit war – und Möglichkeit wird.
Wenn ich die Form des Y mit dem Finger von unten her nachfahre – vom Stamm hinauf zu dem Punkt, an dem es sich öffnet –, bewege ich mich zunächst entlang einer Linie, die aus der Rückschau fast geradlinig wirkt. Wie ein Weg, der bereits gegangen wurde. Eine Herkunft. Eine Vergangenheit.
Dann kommt dieser kleine Moment: die Stelle, an der sich der Weg teilt. Für einen Augenblick entsteht ein Innehalten. Noch keine Entscheidung. Noch keine Antwort. Nur dieser kurze Moment der Orientierung, bevor eine Richtung gewählt wird.
Vielleicht liegt genau darin die Kraft dieses Zeichens: Das Y zeigt nicht nur zwei Wege. Es macht sichtbar, dass zwischen ihnen ein Moment des Wahrnehmens liegt.
Es zeigt, dass Wahl überhaupt möglich ist. Dass das Leben sich nicht zwingend in einer Linie fortsetzt, sondern sich aufweitet. Dass es Weggabelungen gibt – und dass wir an ihnen stehen dürfen, ohne sofort zu rennen.
Als ich im Yoga ankam und begann, Menschen durch ihre Praxis zu begleiten, fand diese Erfahrung eine neue Form: Wir halten inne an einer Weggabelung. Wir nehmen wahr, was sich zeigt. Und manchmal genügt dieser erste Moment: zu spüren, dass sich ein Weg verzweigt – noch bevor wir wissen müssen, wohin er führt.
Das Y meiner Bildmarke trägt diese Geschichte – ohne sie auszusprechen.
Und zugleich gehört es ganz unmittelbar zu meiner Arbeit.
Es ist der Anfang des Wortes Yoga – eines Übungs- und Erfahrungswegs, der weit über einzelne Haltungen hinausreicht und Körper, Atem, Wahrnehmung und Bewusstsein miteinander in Beziehung bringt.
Und es ist Teil von YOur, einem Markenwort und wiederkehrenden Kennzeichen meiner Arbeit: Your und Our zugleich. Dein eigener Weg – und das, was uns verbindet.
Diese Bedeutung werde ich in einem späteren Journal-Eintrag genauer entfalten. Für den Moment genügt: Das Y ist in meiner Bildmarke kein bloßer Buchstabe. Es steht für Richtung, Öffnung und Beziehung.
Der Vogel im Aufwind
Wer genauer schaut, entdeckt noch etwas anderes im Y.
Einen Vogel.
Flügel, die sich öffnen. Einen Körper, der sich dem Aufwind anvertraut. Nicht kämpfend, nicht rudernd – sondern übend, sich tragen zu lassen.
Das ist kein bewusst konstruiertes Detail. Es war da, als ich das Zeichen sah. Und ich habe es behalten, weil es etwas beschreibt, das ich im Yoga suche: den Moment, in dem Anstrengung in Leichtigkeit übergeht. In dem der Körper nicht mehr gegen sich kämpft, sondern anfängt, mit sich zu arbeiten.
Ein Y.
Ein Scheideweg.
Ein Vogel im Aufwind.
Drei Lesarten.
Ein Zeichen.
Der Ensō – der Kreis, des Augenblicks
Das zweite Zeichen meiner Bildmarke ist runder Natur.
Der Ensō – japanisch 円相, etwa „Kreisform“ oder „Kreisbild“ – ist ein Symbol aus der japanischen Kalligrafie, das in enger Verbindung mit dem Zen-Buddhismus steht. Er kann Erleuchtung, Stärke, Eleganz, das Universum oder die Leere anklingen lassen. Als Ausdruck des Moments steht der Ensō weniger für nachträgliche Korrektur als für die unmittelbare Geste.
Was ich daran so berührend finde: In der Philosophie des Zen-Buddhismus steht das Malen des Ensō für einen Moment, in dem das Bewusstsein frei ist und Körper und Geist im schöpferischen Tun nicht festgehalten werden. Gewöhnlich wird Tinte mit einem Pinsel in einer einzigen Bewegung auf Seiden- oder Reispapier aufgetragen. Es gibt keine nachträgliche Korrektur, kein Redigieren, keinen zweiten Versuch auf demselben Blatt. Der Ensō zeigt den Zustand des Geistes im Augenblick seines Entstehens.
Aus meiner kunsthistorischen Prägung heraus ist mir die Auseinandersetzung mit Bildern, Zeichen, Kompositionen und gestalterischen Entscheidungen vertraut geblieben. Umso mehr berührt mich der Ensō: Er stellt nicht die Idee der vollkommenen Form an erste Stelle, sondern die Gegenwärtigkeit des Moments.
Er sagt: Dieser Moment ist vollständig. So wie er ist.
Auch wenn der Pinsel zitterte.
Auch wenn der Kreis nicht rund ist.
Manche Ensō sind geschlossen, andere bleiben offen. Der geschlossene Kreis kann Vollständigkeit, Einheit, Leere oder Universum anklingen lassen. Der offene Kreis lässt Bewegung zu: Unabgeschlossenheit, Entwicklung, das Unvollkommene. Doch wichtiger als eine eindeutige Deutung bleibt der Moment selbst: Der Pinselstrich wird gesetzt – und was in diesem Augenblick gegenwärtig war, bleibt sichtbar.
In meiner Bildmarke ist der Kreis offen.
Bewusst.
Weil Leben für mich kein geschlossener Kreis ist. Weil Menschsein Bewegung bleibt. Und weil der offene Kreis etwas zulässt, das mir wesentlich ist: Platz. Für Dich. Für das, was sich zeigt. Für das, was noch werden darf.
Auch deshalb blieb am Ende der erste Entwurf.
Spätere Versionen waren glatter. Durchdachter. Vielleicht sogar „gelungener“. Aber sie trugen weniger Lebendigkeit.
Irgendwann verstand ich: Nicht alles wird wahrer, wenn wir es perfektionieren.
Ma – was in der Lücke wohnt
Wer den offenen Ensō betrachtet, stellt irgendwann die naheliegende Frage: Was passiert eigentlich dort – in dieser Lücke?
Die japanische Kultur hat dafür ein Wort: Ma (間).
Ma bezeichnet den bedeutsamen Zwischenraum. Nicht Leere im Sinne von Fehlendem, sondern Fülle im Sinne von Potenzial. Es ist die Pause zwischen zwei Tönen, die Musik erst möglich macht. Der Zwischenraum zwischen zwei Menschen, in dem echte Begegnung entstehen kann.
Auch der Atem kennt diesen Zwischenraum. Nach dem Einatmen. Nach dem Ausatmen. In der Prāṇāyāma-Tradition heißt diese Atempause Kumbhaka (कुम्भक): eine Stille, in der der Atem für einen Augenblick weder kommt noch geht. Ein Moment zwischen Halten und Lösen. Zwischen Kommen und Gehen. Zwischen Bewegung und Ruhe.
Ma ist kein Konzept für Fortgeschrittene. Es ist das Einfachste, das wir kennen – und das Schwierigste, das wir aushalten. Zwischen zwei Atemzügen. Zwischen zwei Sätzen. Zwischen einem Impuls und unserer Antwort. Dazwischen löst sich für einen Moment die gewohnte Struktur auf: kein nächster Satz, keine Handlung, keine Richtung, keine sofortige Einordnung.
Genau das kann unangenehm sein. Oft übergehen wir diesen Zwischenraum, noch bevor wir ihn bemerken – mit Gedanken, mit Bewegung, mit dem nächsten Satz. Ma lädt dazu ein, diesen offenen Moment nicht sofort zu schließen, sondern ihn wahrnehmend da sein zu lassen.
Im offenen Ensō ist Ma sichtbar gemacht. Die Lücke im Kreis ist nicht der Ort, an dem der Pinsel einfach aufgehört hat. Sie ist der Ort, an dem der Kreis atmet. Wo das Ungesagte wohnt. Wo Wandlung möglich wird – nicht spektakulär, nicht laut, sondern in der Stille zwischen zwei Zuständen.
Für meine Arbeit ist das kein abstraktes Konzept. Ma ist der Moment auf der Matte, in dem eine Schülerin innehält – nicht weil die Übung zu Ende ist, sondern weil sie spürt, dass da noch etwas nachklingt. Es ist die Pause nach einer Atemübung, die länger wird, weil der Körper verstanden hat, dass er nicht sofort weiter muss. Es ist das Schweigen nach einer Frage, die ich nicht beantworte, weil sich eine Antwort im Körper formen darf – nicht in meinen Worten.
Manchmal sind es genau diese Lücken, in denen Unterricht wirklich beginnt.
Wabi-Sabi – die Ästhetik der unvollkommenen Dinge
An dieser Stelle lohnt ein kurzer Blick auf ein japanisches Konzept, das zum Ensō gehört wie der Atemzug zum Körper: Wabi-Sabi.
Zen-Praktizierende verbinden die Öffnung im Ensō mit Wabi-Sabi, der Schönheit des Unvollkommenen, Vergänglichen und Unabgeschlossenen. Auch Fukinsei (不均斉) – Asymmetrie, Unregelmäßigkeit, das Nicht-Gleichförmige – gilt als wichtiger Aspekt japanischer Ästhetik.
Das ist keine Einladung zur Nachlässigkeit. Es ist eine Einladung zum Wirklichkeitssinn.
Dinge sind, wie sie sind.
Der Körper ist, wie er heute ist.
Die Praxis ist, wo sie heute steht.
Und darin liegt nicht Defizit, sondern Würde.
Auf der Matte wird dieser Gedanke erfahrbar: nicht als Ideal, das erreicht werden muss, sondern als leiser Perspektivwechsel. Eine Haltung darf anders aussehen als erwartet. Der Atem darf sich zeigen, ohne sofort verändert zu werden. Ein Moment muss keiner Vorstellung entsprechen, um Bedeutung zu haben.
Vielleicht ist genau das Wabi-Sabi in der Praxis.
Zwei Zeichen – ein Gedanke
Das Y kommt aus der antiken Welt. Der Ensō aus dem japanischen Zen-Buddhismus. Jahrhunderte und Kontinente trennen die Traditionen, aus denen sie stammen.
Und doch berühren sie für mich eine gemeinsame Frage:
Wie leben wir mit Weggabelungen?
Mit offenen Formen?
Mit dem, was noch nicht entschieden ist?
Das Leben verlangt Aufmerksamkeit. Es gibt Momente der Wahl – und Momente des Loslassens. Momente, in denen wir stehen und entscheiden – und Momente, in denen wir einfach den Pinsel führen, ohne zu wissen, wie der Kreis wird.
Das Y fragt: Welchen Weg wählst Du?
Der Ensō antwortet: Welchen Weg auch immer – bleib gegenwärtig, während er entsteht.
Das ist, in zwei Zeichen, das, was ich mit meiner Arbeit erfahrbar machen möchte. Keine fertigen Antworten auf die großen Fragen. Aber eine Praxis, in der solche Fragen überhaupt auftauchen können. Den Körper als Ort der Wahrnehmung. Die Stille als Voraussetzung für Klarheit. Den Zwischenraum als Möglichkeit.
Das Y und der Ensō sind nicht nur mein Logo.
Sie sind eine stille, jahrhundertealte Einladung – die noch immer wirkt.
Kulturelle und fachliche Bezugspunkte
Dieser Text ist kein wissenschaftlicher Fachartikel, sondern ein Journal-Eintrag zur Bildmarke von BODY MIND MEMORIES – und zu den Erfahrungsräumen, die sich aus ihren Formen öffnen: Weg, Kreis, Zwischenraum, Atem und Gegenwärtigkeit.
Der Ensō gehört zur Tradition der japanischen Zen-Kalligraphie. Er wird hier nicht als dekoratives Symbol verstanden, sondern als Ausdruck von Gegenwärtigkeit, Unabgeschlossenheit und einer einmaligen, nicht wiederholbaren Geste. Der Pinselstrich wird gesetzt – und nicht korrigiert. So bleibt sichtbar, was in diesem Augenblick gegenwärtig war.
Das Y kann zudem an eine ältere europäische Symboltradition erinnern: den sogenannten „pythagoreischen Buchstaben“, der seit der Antike als Bild für eine Weggabelung und die Wahl zwischen zwei Lebenswegen gelesen wurde.
Der Text bezieht sich außerdem auf das japanische Konzept Ma (間) als bedeutsamen Zwischenraum sowie auf yogische Erfahrungsbegriffe wie Kumbhaka (कुम्भक), die Atemverhaltung bzw. Atempause. Beide Begriffe stammen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten und werden hier nicht gleichgesetzt, sondern als Resonanzräume gelesen: als Hinweise darauf, dass das Dazwischen nicht leer ist, sondern Wahrnehmung, Sammlung und Integration ermöglichen kann.
- Ensō: Zeichen der japanischen Zen-Kalligraphie; Ausdruck von Gegenwärtigkeit, Unabgeschlossenheit und einer einmaligen, nicht wiederholbaren Geste.
- Y / pythagoreischer Buchstabe: ältere europäische Symboltradition, in der das Y als Bild für Weggabelung, Entscheidung und Lebensweg gelesen wurde.
- Ma (間): japanisches Konzept des bedeutsamen Zwischenraums, wirksam in japanischer Ästhetik, Architektur, Gestaltung, Musik und Alltagskultur.
- Kumbhaka (कुम्भक): Atemverhaltung bzw. Atempause in der Prāṇāyāma-Tradition des Yoga. Sie kann nach der Einatmung oder nach der Ausatmung geübt werden und verweist auf einen Moment, in dem der Atem weder kommt noch geht. Im Text wird Kumbhaka nicht technisch-praktisch angeleitet, sondern als Erfahrungsbild für Sammlung, Stille und das Dazwischen verstanden.
- Wabi-Sabi: japanisches Ästhetikprinzip der Schönheit des Unvollkommenen, Vergänglichen und Unabgeschlossenen.
- Fukinsei (不均斉): Asymmetrie bzw. Unregelmäßigkeit als ästhetisches Prinzip innerhalb japanischer Gestaltung.
- Patañjali, Yoga-Sūtras: Yoga als Weg der Sammlung und inneren Ausrichtung; die zeitliche Einordnung in den frühen Jahrhunderten n. Chr. wird in der Forschung unterschiedlich diskutiert.
Im offenen Ensō wird sie bildhaft sichtbar: die Lücke. Der Zwischenraum, der nicht leer ist, sondern Bedeutung möglich macht.
Im nächsten Journal-Eintrag folge ich dieser Spur weiter – dorthin, wo sie auf der Yogamatte erfahrbar werden kann: als Yoga-MA, eine eigene Praxis der Pause, der Wahrnehmung und des Übergangs im Angebot von BODY MIND MEMORIES.

